Von Bademänteln und Bio-Supermärkten
Da kommt man zwei Tage nach seiner Rückkehr aus Kapstadt zur Maiwoche nach Osnabrück und kommt sich vor, als sehe man vor lauter Masse die Individuen nicht mehr – ein Grund dafür, sich als Herausforderung mal Berlin als Studienstadt auszusuchen. Gepaart mit der Tatsache, dass die Humboldt-Universität nicht nur schön aussieht und liegt, sondern auch bereits einige Nobelpreisträger und andere tolle Menschen hervorgebracht oder zumindest gefördert hat, klingt das für mich nach einer guten Idee.
Nach der erfolgreichen Bewerbung dann die zweite Hürde: Wohnungssuche. Spontan fahre ich Anfang September mit einer Mitfahrgelegenheit nach Berlin, denn es wird so langsam Zeit, sich mal ein paar potentielle Wohnungen anzuschauen.
Es ist zwar nicht mein erster Besuch unserer Hauptstadt, doch fahre ich dieses Mal nicht nach Berlin, sondern in meine neue Heimat. Komisches Gefühl.
Berlin ist echt groß, denke ich nach ein paar größeren Gebäuden am Stadtrand. Na ja, eigentlich könnte es bis hier noch Bremerhaven sein, beruhige ich mich. Aber so eine große Stadt? Gefällt mir das eigentlich auf Dauer? Wir werden sehen. Es kommt ja aber eh nur auf die ersten drei Buchstaben an, habe ich mir sagen lassen, lieber Bersenbrücker, Bremer und Bremerhavener.
Erst mal aussteigen, einmal umsteigen, zweimal Umsteigen und da betreten sie auch schon die Tram. Die erwarteten, da zum Klischee-Stadtbild gehörenden Punks. Setzen sich teils mit ihren Hunden auf den Boden, teilen sich Billigvodka und irgendeine Limonade. Ich lächle und steige wieder aus, da ich die Wohnung von Eileens Freundin, meine Bleibe für die nächsten zwei Nächte, erreicht habe.
Am nächsten Morgen werden online noch letzte Angebote gecheckt und dann steht der Plan für den Tag: eine Wohnungsbesichtigung im Viertel Prenzlauer Berg, eine in Mitte, in Kreuzberg und zuletzt geht’s nach Friedrichshain. Mehr schaffe ich wegen der relativ langen Wege kaum und bin so auch von eins bis neun Uhr abends unterwegs.
Die erste Wohnung befindet sich in einer schicken Gegend und sieht auch von innen bildhübsch aus. Dass die Bewohnerin sehr „öko“ ist, zu einer alternativen Schauspielschule geht und mich nach meinem Sternzeichen fragt, ist alles in Ordnung. Die Tatsache, dass sie das Internet wegen der Strahlung nachts ausschaltet, ist hingegen nicht mit meinen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten vereinbar und so setze ich mich schmunzelnd in die S-Bahn und denke, dass man in Berlin vielleicht wissen muss, was man will, aber nicht wollen, was man weiß. Ich kratze mich am Kopf und verfalle mal wieder in eine Linie 1-Musical-Nostalgie:
„Du sitzt mir gegenüber und schaust an mir vorbei.
Ich seh‘ dich jeden Morgen und manchmal auch um drei.
Du bist mir mal sympathisch und manchmal eine Qual,
aber meistens egal, total egal.
Aber meistens egal, total egal“
Meinem Gegenüber bin ich jedoch nicht völlig egal und werde deshalb von ihm ausgelacht, weil der ältere Mann es lustig findet, wie Frauen „ganz tolle toupierte und gefärbte Haare“ haben und es dann doch irgendwo juckt. Als ich ihm erkläre, dass meine Haare weder toupiert noch gefärbt sind, ist der Mann mit der berühmt berüchtigten Berliner Schnauze janz vablüfft. Ich muss aussteigen.
Die nächste Wohnung ist der komplette Gegensatz zur ersten: etwas chaotisch, müffelig und es gibt gleich erst mal einen halben Liter Berliner Kindl zu trinken. Das ist wirklich lecker und kommt auf das eine Brötchen, das ich vor sechs Stunden gegessen habe, sehr gut, die Bewohner sind entspannt und das Gespräch wird ganz lustig. Trotzdem nicht ganz meine Welt.
Wegen verspäteter Busse, die anscheinend dauernd verspätet sind, bin ich mittlerweile bereits im Zeitverzug, komme aber dann doch irgendwann in Kreuzberg an und muss mir erst mal ein belegtes Brötchen kaufen, bevor ich die nächste Wohnung in der wunderschönen Schönleinstraße mit großen Bäumen und gemütlich aussehenden Kneipen und Restaurants aufsuche. Dort treffe ich einen sehr netten Bewohner, mit dem ich mich recht gut unterhalte, die Wohnung ist ganz schön, aber auch etwas chaotisch und schon geht es wieder weiter zur nächsten Wohnung nach Friedrichshain.
Ein riesengroßes Zimmer. Mit Stuck. Und Dielen. Und einem kleinem Balkon. Eine schöne Küche. Ein renoviertes Badezimmer. Nur die Mitbewohner waren um des besten Zimmers Willen leider nicht ganz meine Kragenweite.
Ich kehre abends um 9 in die Wohnung von Eileens Freundin und tags darauf dann wieder nach Bersenbrück zurück, ohne genau zu wissen, wo ich ab Oktober nun schlafen werde. In den nächsten Tagen und Wochen bekomme ich wie erwartet Absagen. Bei ca. 20 – 50 Bewerbern pro Zimmer, pro „WG-Casting“, wie das ganze Procedere teilweise bezeichnet wird, keine Überraschung.
Wenige Wochen später erhalte ich jedoch einen Anruf von einer anderen Freundin meiner großen Schwester (thank God for siblings!), die sich für mich umgehört und deren Freundin ein Zimmer für zwei Monate zu vermieten hat.
Da die potentielle Mitbewohnerin aus Osnabrück kommt und gerade in der Heimat ist, findet der Recall nun dort statt und nach einem kurzen Gespräch habe ich ein Zimmer. Die nervigen wg-gesucht.de-Emails mit neuen Angeboten werden kurzerhand abbestellt und der Stein vom Herzen gehievt.
Die nächsten Wochen, die letzten, was das Wohnen Zuhause angeht, verbringe ich auf ganz selbstgefällige, also mir selbst gefällige, Art mit Freunden, Familie, Musik, Büchern, Sonne, Schwimmen und Arbeiten. Was für ein Leben!
Auch wenn mich das leise Gefühl überkommt, dass es an der Zeit ist, zu neuen Ufern aufzubrechen, fühle ich mich pudelwohl in Bersenbrück und sorge doch aufgrund von mangelnder Anpassungsfähigkeit für mir zunächst unbewusste Furore: Der für mich logische wie praktische morgendliche Gang von unserem Haus zum Schwimmbad, geschätzte 200 Meter, im Bademantel scheint aufzustoßen.
Zugegeben: Menschen, die im Bademantel die Hauptstraße überqueren, sieht man nicht allzu häufig. Dass manche Menschen das allerdings „total selbstbewusst“, „zum Totlachen“ oder „bescheuert“ finden und sich gar fragen, „ob das sein muss“, revidiert gleich die erstgenannte Aussage: Meiner Selbst und der ausgelösten Reaktionen war ich mir zuvor gänzlich unbewusst. Sie amüsierten mich jedoch ausgesprochen. Vielleicht ist es tatsächlich Zeit für Berlin.
Am 9. Oktober ist es das auf jeden Fall, da steige ich nämlich nach einem deftigen Mittagessen – Mamas letztem Liebesbeweis – mit Sack und Pack in den Zug nach Osnabrück und von dort aus wieder mit einer Mitfahrgelegenheit, die mich relativ nah an mein neues Zuhause bringt und mich spontan zu ihrer nächsten WG-Party einlädt, in die Hauptstadt.
Auch wenn ich nur Franzosen und Spanier treffe, als ich nach der richtigen Haltestelle fragen will, wird mir bei der schweren Vereinbarung von viel Gepäck und U-Bahntreppen drei Mal geholfen und ich erhalte einmal sogar eine Handynummer gratis dazu. Ein guter erster Eindruck! Auch mein neuer Mitbewohner ist mir beim Taschetragen behilflich und wie seine Freundin übrigens auch sehr nett und ihre in Friedrichshain Wohnung echt schön. Es bleibt nur noch zu klären, ob mir stets geholfen wird, weil ich so nett oder so hilfsbedürftig aussehe.
Jetzt bin ich seit gut zwei Wochen in Berlin. Ich habe die Einführungs- sowie die erste reguläre Uniwoche hinter mir, mich gefreut, dass wenige meiner Kommilitonen Smartphones besitzen, und ein Gefühl davon bekommen, warum Studenten des Öfteren protestieren. Ich habe zwei Wochen Uni hinter mir und meine felsenfeste Überzeugung, das Studentenleben sei genau das Richtige für mich, bröckelt vielleicht nicht, aber Staub fliegt schon ab, es riecht nach Stress. Ich habe ein klein wenig Nachtleben geschnuppert, riecht ganz gut. Ich grüße den Koch des orientalischen Restaurants bei mir um die Ecke. Ich habe schon einen Pfannkuchen, keinen Berliner, gegessen. Ich habe eine Ahnung von der Anonymität. Ich war im schönen Treptower Park spazieren. Ich habe wahrscheinlich bereits insgesamt einen knappen Tag in U- und S-Bahn verbracht und dabei mit keiner Person, die am Bahnsteig neben mir stand, die Unterwäsche getauscht, geschweige denn ihr einen Heiratsantrag gemacht, wie es Markierungen auf dem Bahnsteigboden am Alexanderplatz suggerieren. Ja, ich wurde sogar schon beim „Schwarzfahren“ erwischt, was eigentlich gar kein Schwarzfahren war, da ich die Gebühr mit meinen Studiengebühren bezahlt hatte, ich wurde aber als Schwarzfahrerin behandelt, weil die Humboldt-Universität nicht mit dem Versand der Studentenausweise mitsamt Semesterticket hinterherkam. Ich habe erlebt, wie jemand sich in der S-Bahn darüber aufgeregt hat, dass er von jemandem berührt wurde, der sich in Gebärdensprache unterhielt. Ich habe, auch im Umgang mit den Katzen in der Wohnung, wieder mal gesehen, dass man sich an alles gewöhnt, aber mitnichten alles, an das man sich gewöhnt, toll finden muss. Ich habe mich bei einem Glas Wein in der WG darüber unterhalten, ob man beim Einkauf in einem Bio-Supermarkt in Neukölln nun ein gutes oder schlechtes Gewissen haben muss – gut, weil Bio und so; schlecht, weil Gentrifizierung und so. Ich war bei einer großartigen Ausstellung namens „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“. Ich habe jemanden mit meinem Handy telefonieren lassen, der offensichtlich gerade am helllichten Tage zusammengeschlagen wurde. Ich saß bei Sonnenschein im Mauerpark. Ich kann noch keine Einschätzung zu meinem zweiten Eindruck abgeben.
Ich habe noch keine Hauptstraße Berlins im Bademantel überquert.
Phelina

Guten Morgen Phelina,
schön von Dir zu lesen! Bin seit 04:00 Uhr, dank der Schlafgewohnheiten unserer Tochter Sasha, wach und freue mich, dass es ihr soooo gut geht! Dabei habe ich die Möglichkeit Deine frischen Eindrücke aufzunehmen.
Unsere Shoppingstadt Berlin von Dir näher gebracht zu bekommen, schön und interessant!
Meine Loveparadeerinnerungen aus alten Berliner Zeiten kann mir keiner nehmen!
Lebe & erlebe eine Stadt mit all seinen schönen und erschreckenden Seiten!
Bleib gesund!
Grüße von der frisch gewickelten Sasha und Heiner
Ach ja, Linie 1, das waren noch Zeiten. Ich beneide dich darum, dass du jetzt in Berlin wohnst – was genau studierst du jetzt eigentlich?
Liebe Grüße aus Osnabrück von Nicole
Oh Phelina, ich musste hier laut lachen, als ich mir vorgestellt habe, wie du in voller Big Lebowski-Montur (auch wenn du das mit dem White Russian natürlich nicht im Blog schreibt) durch Bersenbrück läufst.
http://blog.rebellen.info/wp-content/uploads/2009/09/the-big-lebowski.jpg
Meiner Erfahrung mit Berlin nach bist du im Bademantel, wenn auch nicht overdressed, so doch im direkten Vergleich mit anderen Bewohnern der Stadt noch halbwegs ordentlich gekleidet! Probier’s!