Unser Suedafrika
Wir befinden uns auf der suedafrikanischen Seite an der Grenze zu Mosambik und versuchen uns ein Transportmittel zu organisieren, um eine spontan geplante 3-Stunden-Safari im Krueger Nationalpark in die Tat umzusetzen. Keine Taxen weit und breit, Mitfahrgelegenheiten rar, also funktionieren wir ein Minibus- in ein Metertaxi um. Und obwohl dieses dem Ruf von rasaten Minibustaxen leider nicht gerecht wird, finden wir uns noch puenktlich zur Safari am Eingang an der Krokodilbruecke des Nationalparks ein.
Ein paar Formulare ausgefuellt, sitzen wir auf dem Wagen und schon beginnt die
Sonnenuntergangssafari zum Spottpreis, von der uns der aeltere Herr auf Afrikareisen in Maputo erzaehlte. Von Krokodilen ueber Nashoerner und Elefanten bis hin zu Stachelschweinen, Perlhuehnern sowie Nilpferden fasziniert uns vor Sonnenuntergang alles. Nach Untergang der Sonne bleiben die Oohs und Aahs trotz grosser Scheinwerfer jedoch aus und um puenktlich um neun wartet das Minibustaxi an der Rezeption auf uns, mit dem die vier deutschen Maedels wieder zur Grenze kutschiert werden sollten, um von dort einen Reisebus nach Johannesburg zu nehmen. Waehrend der Verhandlungen war ich nicht anwesend, doch am Taxi erfahre ich, dass uns das Minibustaxi statt zur Grenze direkt nach Johannesburg bzw. Midrand, wo auch unser Auto steht, bringen wuerde. Also gut!
Die ansonsten recht rasante Fahrt – damit waere der Ruf wieder gerettet – wird lediglich durch wenige Polizeikontrollen unterbrochen, die aber à la “Wem gehoert diese Tasche?” – “Aehm, uns (Deutschen)” – “Na dann. Weiter geht’s!” schneller als normalerweise ueblich von der Buehne gehen, und so kommen wir um ca. 3 Uhr nachts am Johannesburger Taxirank an. Wir halten, wie schon an einigen anderen Orten zuvor.
Nach einigen Minuten fragt uns der Fahrer: “Are you okay there, girls?” und wir antworten: “Yes, but when are we going to Midrand?” – “We won’t go to Midrand!” ["Alles in Ordnung bei euch, Maedels?" - "Ja, aber wann fahren wir nach Midrand?" - "Wir fahren nicht nach Midrand!"]
Lange dauert es nicht, bis sich die Schockstarre in eine Beschwerdewelle wandelt: “Es war aber so vereinbart!” “Wir haben einen Aufpreis fuer die Fahrt nach Midrand bezahlt!” “Hier bleiben wir nicht!”
Erst empoert, doch je mehr der Abhaengigkeitsgedanke daraufhin einsetzt, umso vorsichtiger werden unsere Argumente und Fragen. Der junge Fahrer ist nervoes, weiss nicht, was er sagen soll, war selbst bei den Verhandlungen nicht anwesend. Wir erfahren, dass das Taxi ohne Lizenz nicht berechtigt ist, uns bis in den Vorort zu bringen.
“Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, wenn wir da jetzt rausfahren, liegt bei 90%. Hier am Taxirank hingegen sind wir zu 100% sicher”, versucht uns einer unserer Mitfahrer- bzw. -warter zu beruhigen.
100% sicher am Johannesburger Taxirank um drei Uhr nachts, wenn es nach fuenf Uhr Nachmittag am Taxirank in Kapstadt schon “kriminell” wird? Hmm. Unser Erfahrungsmangel laesst an dieser Stelle jedoch keine Wertung oder dergleichen zu und es bleibt uns ohnehin nichts uebrig als ihnen zu vertrauen und die Nacht abzusitzen. Mit Eintritt des Schlafs verschwinden auch die Spuren des mulmigen Gefuehls, das uns unterschiedlich intensiv heimsucht, und um sechs Uhr morgens machen wir uns gesund, relativ munter und um eine Erfahrung reicher ueber den erwachenden Taxirank auf den Weg nach Midrand und weiter nach Kyalami, wo uns unsere Bekannte mit ihrem Pick-up wieder abholt.
Ruhig und erfrischt verlassen wir vier Duschen spaeter, alles selbstverstaendlich vom Hund auf dem Waeschehaufen ueberwacht, ihre Johannesburger Pferdeenklave und fahren wir weiter ins ca. 45 Minuten entfernte Pretoria.
Erstmal fruestuecken! Bei einem Freund erkundigen wir uns nach einem netten Café, doch da seine Empfehlungen sich aus Alternativmangel nur im Bereich von fettigen Burgerketten mit Fruehstuecksoption bewegen, bewegen wir uns zum naechsten Supermarkt und danach zu den Union Buildings, wo auch Nelson Mandela eingeschworen wurde, und machen es uns mit unseren Picknickdecken im angrenzenden Park gemuetlich.
Am Nachmittag machen wir uns auf die Suche nach einem Backpacker und finden zufaellig heraus, dass abends ein Rugbyspiel stattfindet, fuer das wir uns spontan Karten besorgen. Eileen und ich merken, dass man umso mehr von dem Sport versteht, je mehr Zeit man in Suedafrika, insbesondere in Observatory, verbringt. Alles ist uns trotz dessen nicht klar, was unter anderem aber auch daran liegt, dass der Stadionsprecher nur Afrikaans spricht, was zwar historisch nachvollziehbar ist und wohl auch 95% der Zuschauer zu Gute kommt. Nichtsdestotrotz fuehlt man sich als Angehoeriger anderer Kulturen nicht besonders willkommen, was sowohl Auslaender wie uns als auch beispielsweise einhemische Xhosa- oder Zulu-staemmige Suedafrikaner einschliessen duerfte.
Und auch der Taxifahrer, der uns abends nach Hatfield, einem Stadtteil Pretorias mit vielen Bars, Restaurants und Diskotheken, wo wir uns mit unserem Bekannten treffen sollen, bringt, vermittelt uns keinen Eindruck des Neuen Suedafrikas, der Regenbogennation: “Wo soll ich euch denn in Hatfield absatzen?” – “Ach, an irgendeinem zentralen Ort, wir kennen uns ja auch nicht besonders gut aus.” – “Gut, ich bringe euch zu einer weissen Bar. Dann seid ihr unter euch.” – “Wie bitte? Wir sind mit einem schwarzen Freund von uns verabredet.” – “Oh!?”
Dieser Zwischenfall sowie Tatsache, dass die Kneipen zum Grossteil wirklich jeweils nur von jungen Leuten einer Hautfarbe frequentiert werden, halten uns natuerlich nicht davon ab, einen netten Abend mit ihm und seiner Freundin zu verbringen, doch die ganze Taxirank-Geschichte hat uns spuerbar mitgenommen, weshalb er uns relativ frueh wieder nach Hause, also zu unserem schnuckeligen Backpacker, bringt.
Der einst rein deutsche Schlafsaal ist in der Zwischenzeit um einen in Japan arbeitenden Chinesen aufgemischt worden, wie wir am naechsten Morgen feststellen. In einer relativ kurzen Unterhaltung erfahren wir, dass der 42-Jaehrige bereits 140 Laender bereiste. Wahnsinn! Es ist zwar fraglich, ob er einige der bereisten Stedte, geschweige denn Laender, wirklich gut kennt, doch die vielen Erfahrungen, Eindruecke und Denkanstoesse durch das Reisen scheinen mir auesserst beneidens- bzw. bewunderns- und erstrebenswert. Optimalerweise gehoere ich also in ein paar Jaehrchen wie er zu denjenigen Menschen, die sich ueber die gewonnene Unabhaengigkeit von Staaten besonders freut, weil es dann ein weiteres Land zu bereisen gibt.
Nach dem Fruehstueck steuern wir mit Mercedes die Kueste an, Durban ist das Ziel. Gluecklicherweise bemerken wir rechtzeitig, dass wir besser erst in Drakensbergen halten koennen und finden uns schon bald in einem entzueckenden Backpacker inmitten der Gebirgskette ein, die an Lesotho, das “Koenigreich des Himmels” grenzt. Hier verbringen wir zwei Naechte und ein paar atemberaubende Stunden des Wanderns und Kletterns (an einer Stelle ging es fuer uns 250 Meter steil hoch) im und auf dem “Amphitheater” in den Drakensbergen, wo sich auch der hoechste Wasserfall Afrikas und der zweithoechste der Welt befindet, der allerdings mehr einem schmalen, plaetschernden Bach als einem reissenden Strom, den man sich selbstverstaendlich erhoffte, aehnelt.
Am naechsten Morgen wissen wir zwar nicht, ob der Muskelkater aufgrund der positiven Wirkung des Whirlpools, des normalen Pools oder der Sauna (erstaunlicherweise alles im niedrigen Backpackerpreis inbegriffen) fast gaenzlich ausblieb oder ob es doch an unserer ausgepraegten Sportlichkeit lag, aber eins war sicher: Das traditionelle Mittagessen im stark indisch gepraegten Durban haben wir uns verdient!
Nachdem Eileen dann auch ein paar Fotos von ihrem Lieblingsstadium der letzten Weltmeisterschaft auf dem Speicher hat, geht es fuer uns aber auch schon weiter. Der Empfehlung eines anderen Reisenden, den wir in Tofo trafen, nach verschlaegt es uns fuer zwei Naechte nach Umzumbe, ein kleines Oertchen 120 Kilometer suedlich von Durban, in dem wir einen Backpacker vorfinden, der seinesgleichen
sucht. Ein Hamburger Emigrant verwirklichte entweder seinen Traum oder einen Trip, indem er inmitten dschungelartiger Vegetation eine Art paradiesartigen Unterschlupf aus Baumhaeusern, gruen angestrahlten Tippies, einer Feuerstelle, einem Sonnendeck mit Meerblick, abgelegenen Huetten, verschiedensten Kunstwerken, Haengematten, einem versteckten Hugh-Hefner-Pool und einer abgefahrenen Bar, in der neben einem Pokertisch und neu erfundenen Karten Afrikas auch ein altes Klavier (!) und ein Kickertisch mit HSV- und St. Pauli-Spielern zu finden waren, schuf.
Dass der anliegende Strand, an dem wir unseren ersten richtigen Strandtag verbringen wollten, nicht spektakulaer schoen ist, macht uns dementsprechend wenig aus und wir verbringen den Tag mit den beiden Israelis, die fuer einige Zeit zum Arbeiten nach Sueadafrika gekommen sind und ebenfalls ein paar Tage in Umzumbe verbringen.
In Gespraechen erfahren wir beispielsweise, dass man sich nicht auf Neon-Artikel, die von getrennten Straenden fuer unterschiedliche Bevoelkerungsgruppen in Tel Aviv berichten, nicht verlassen kann, wie sich das Leben in Israel innerhalb der letzten zehn Jahre veraendert hat, dass man in Israels Krankenhaeusern die Wahl zwischen klassischer und alternativer Medizin hat oder dass offene Beziehungen unter jungen Leuten dort haeufig als Methode, (wahre) Liebe zu finden, genutzt wird. Aha!
Auf unserer Weiterfahrt an der sogenannten “Wild Coast”, der wilden Kueste, koennen wir Dinge beobachten, die frueher sicherlich als “wild” bezeichnet wurden: Staendig muessen wir Eseln, Pferden, Schafen oder Kuehen auf der Strasse Vorgang gewaehren, wir sehen zahlreiche Rundhuetten, unberuehrte Landschaften, Frauen mit wahlweise Brennholz oder jeweils 12,5 kg schweren Mehl- und Zuckersaecken (ja, und, nicht oder) auf dem Kopf und Kleinkindern auf dem Ruecken. Zudem ist das verbreitete “yellow line driving”, das Fahren auf dem Seitenstreifen, um Autos von hinten ueberholen zu lassen, gegen Nachmittag aufgrund der vielen auf der Strasse schlendernden Schulkinder, deren Wege zur Schule wahrscheinlich denen aehneln, von denen unsere
Eltern und Grosseltern so gern erzaehlen, umoeglich. Bei Anblick der traumhaft schoenen Landschaften fragt man sich doch, ob diese Kinder, die ja nichts Anderes als fuer uns pittoreske (
) Gegenden kennen, ueberhaupt wissen, wie schoen ihre Umgebung ist. Sogar so schoen, dass sie J.R.R. Tolkien als Inpiration fuer den Kleinen Hobbit diente.
Nach vielen Stunden so undeutscher Kultur landen wir abends im Coffee Shack, einem bekannten Backpacker in Coffee Bay, in dem wir unter den vielen deutschen Reisenden auch eine aeltere Dame aus Bremerhaven (Gruesse an meine Lieben dort!) treffen. Es sind in der Tat unheimlich viele Deutsche unterwegs, was einen selbst zwar weder zur Seltenheit macht noch aufkommende Vorurteile eindaemmt, aber bestimmt viele tolle Eindruecke und Einfluesse nach Deutschland bringt!
Informativer als ihre zwei Monate alten Ausschnitte der “Zeit” sind die Gespraeche mit der Bremerhavenerin, insbesonders in Zeiten des politischen Umbruchs in Nordafrika sowie akuten Informationsmangels auf Reisen.
Apropos Mangel: Am Abend mangelt es uns in der unberuehrten Gegend an Supermaerkten und Ausgehalternativen, weshalb wir uns
der Truppe anschliessen, die einen Touristentrip ins naechste Xhosa Dorf machen, um dort tradtionell zu Abend zu essen und afrikanische Taenze vorgefuehrt zu bekommen. All das ist fuer mich zwar nicht neu, doch ist es im anschliessenden Gespraech mit den “Mamas” interessant zu beobachten, wie der Ubersetzer erklaert, aus welchen Laendern wir Touristen kommen und wie die einheimischen Frauen darauf reagieren. Waehrend die Deutschen ihm zufolge aus dem neutral aufgenommenen “Ballack-Land” kommen, stossen die Amerikaner mit Obama auf ein aufgeregtes “Aaaah!” der Frauen. Die Hollaender hingegen, aus deren Heimatland Kolonialistenfuehrer Jan van Riebeeck stammt, ernten daraufhin ein unglueckliches Raunen vonseiten der Suedafrikaninnen, auf das kurz betretene Stille folgt.
Dies und auch unser letzter Stop in Jeffrey’s Bay, einer Stadt in der Naehe von Port Elizabeth, ca. 700 km von Kapstadt entfernt, zeugt davon, dass die Apartheid noch nicht verdaut ist, was zwar schade, aber ueberaus verstaendlich ist.
Schon seit einiger Zeit macht unser Auto beunruhigende Geraeusche, weshalb wir in J’Bay an einer Tankstelle halten und um Rat fragen. Offensichtlich sind die Bremsen komplett hinueber, erzaehlen uns die beiden Maenner mit Afrikaans-Akzent. “Habt ihr das Auto von einem weissen, schwarzen oder farbigen Verkaeufer?” Auf meinen stark irritiert-aergerlichen Gesichtsausdruck und der stumpfen Antwort “Weiss” wissen sich die beiden Herren nicht anders als durch ein hilfloses “Hach ja, das sind ja auch die Schlimmsten, nicht wahr? Ha ha” zu helfen und es sind wahrscheinlich beide Parteien froh, als wir kurz darauf in Richtung unserer letzter Herberge verschwinden.
Die relative Naehe zum vermissten Kapstadt und das Warten auf die Reperatur unseres Autos gestalten unseren Aufenthalt im ruhigen Surferparadies nicht unbedingt geniessbarer, doch zumindest verfuegen wir ueber kostenlosen Internetzugang und koennen uns mit Infos zum gerade aktuellen Erdbeben in Japan und seinen fatalen Folgen ueber Wasser halten bis Mercedes ihren Umstaenden entsprechend wieder fit und die Autobahn unsere ist.
Leider sind der Mond und das Feuer, an dem wir vorbeifahren, nicht hell genug, um dem Tafelberg auf den letzten 50 km entgegenzufiebern, doch sind wir alle gluecklich, als wir die inzwischen von uns allen geliebte wie vermisste Stadt am Kap der Guten Hoffnung muede, aber heil erreichen.
Ja ja, so war das alles. Und so habe ich auch meine waehrend des ersten Aufenthaltes gesponnene Vorstellung, Suedafrika eines Tages zu bereisen, dank meiner Schwester eher als gedacht in die Tat umgesetzt und muss jetzt wohl zugeben, dass ich dieses Land besser kenne als mein Heimatland.
Doch wenn er nicht gesorben ist, dann lebt der Plan davon, Deutschland besser kennenzulernen, noch heute und wird ab Mai ebenfalls in die Tat umgesetzt. Dieses Mal aber “vernuenftig”. Vielleicht werde ich ja auch darueber schreiben und wie in diesem Reisebericht aehnlich viele Worte wie “suchen”, “fragen” und “erkennen” benutzen…
Wie auch immer – Ich freu mich darauf!
Danke.
Phelina
Klasse Mädels!
Du schriebst oben, dass man dem Neon-Artikel über die Strände in Tel Aviv nicht trauen darf… was stimmt denn genau damit nicht? Als Neon-Abonnentin habe ich den Artikel natürlich gelesen und bin jetzt ziemlich verwirrt…
Ansonsten kann ich sagen, dass dieser Artikel wieder sehr informativ und interessant war.
Liebe Grüße aus Deutschland, Nicole
Danke, Nicole!
Bezueglich des Artikels kann ich dir nur sagen, dass die beiden Isrealis, die wir getroffen haben, meinten, die Straende in Tel Aviv seien nicht getrennt.
Ich habe nur von dem berichtet, was wir von den beiden gehoert haben. Weder habe ich eine weitere Quelle noch war ich selbst da.