“Wieso?! Ist doch Afrika, oder?”

Meine Lieben,

angesichts der politisch aeussert turbulenten Lage, in der wir uns momentan befinden, faellt es mir recht schwer, in der begrenzten Zeit, die ich vor dem PC verbringe, andere Dinge zu tun als die im Internetcafe waehrend meiner kurzen Onlinezeit kopierten Zeitungsartikel zu den aktuellen Geschehnissen zu lesen. Nichtsdestotrotz musste meine Prioritaetensetzung ja frueher oder spaeter zu Euren Gunsten ausfallen, die Ihr ja sicherlich gespannt wie von meinem Opa selbst gespannte Flitzeboegen auf unsere Abenteuergeschichten aus Mosambik und Suedafrika wartet.

Die Vorbereitungen, insbesondere der erneute Besuch beim “Department of Home Affairs” sowie Telefonate mit der suedafrikanischen Botschaft in Mosambik, dem Innenministerium in Pretoria und einem Beamten an der mosambikanischen Grenze aufgrund von Visaschwierigkeiten, gepaart mit als Nicht-Zustaendigkeit getarntem Mangel an Pflichtgefuehl (seit unserem Antrag auf Verlaengerung sind nun statt der eigentlichen 30 bereits mehr als 70 Tage vergangen…), haetten das Attribut “abenteuerlich” zwar nicht unbedingt verdient, doch schon unsere erste Uebernachtung hatte es auf ihre Art in sich:
Man weiss nicht, ob, man munkelt stattdessen nur, dass es daran liegt, dass wir die altbekannte “afrikanische Gelassenheit” schon so verinnerlicht haben, dass wir erst so spaet losfuhren, oder ob es unsere optimistische Einschaetzung der Fahrtuechtigkeit unseres lieben Autos war. Fakt ist, dass wir nach Mittag gen Joburg losfuhren und unser Zwischenstoppsziel Colesburg erst um ca. 23 Uhr erreichten. Eileen, Franziska, die inzwischen auch mit an Bord war, Lilli und ich kamen in eine Geisterstadt, es war ueberall dunkel und als wir feststellten, dass ebendies auch auf unsere potentielle Unterkunft zutraf, entschieden wir uns kurzum, die Nacht im Auto an der sehr hellen Tankstelle zu verbringen, die uns vor der Stadt so schoen angestrahlt hatte. Unwissend, wie viele Zuschauer unsere offenen Muender in dieser Nacht amuesiert hatten, machten wir uns frueh morgens auf den restlichen Weg nach Johannesburg.
Wie gut erinnere mich noch an all die unglaeubigen Blicke vieler, denen ich vor knapp zwei Jahren von meiner damals zukuenftigen Heimatstadt erzaehlte und die mich wegen der hohen Kriminalitaetsrate stillschweigend oder direkt heraus fuer lebensmuede erklaerten, wie gut daran, dass ich trotz weitaus groesserer Vorsicht feststellen durfte, dass alles buchstaeblich halb so wild ist. Zu schade, dass Johannesburg selbst unter den Suedafrikanern dann doch als anderes Kaliber gilt, weshalb mich allein die Ankunft puenktlich zum Feierabendverkehr gegen 5 etwas nervoes machte.
Die Automassen im “concrete jungle”, im Betondschungel, wie Johannesburg in Anlehnung an New York oft genannt wird, waren in der Tat enorm. Dies liegt daran, dass Jo’burg (kaum jemand hier nennt die Stadt bei ihrem vollen Namen) das Finanzzentrum Suedafrikas bildet. Es ist allseits bekannt, dass es sich in Kapstadt mit ihren Bergen und dem Meer besser leben laesst, waehrend die Jobs und das Geld in der Provinz Gauteng, die neben Johannesburg auch die Stadt Pretoria beherbergt, zu finden sind. Einer meiner Freunde versuchte sieben Monate lang erfolglos, einen Job in Kapstadt zu finden – in Jo’burg dauerte dies weniger als eine Woche. Eine Bankangestellte erzaehlte mir vor langer Zeit, dass ihr Chef sich immer ueber die Stadt am Kap lustig mache, da Deals, die in Johannesburg innerhalb von drei Monaten ueber die Buehne gingen, dort neun Monate braeuchten – daher also der Spitzname “Mutterstadt”.
Das, was uns in Jo’burg erwartete, zeugte zwar ebenfalls von Kapital, doch war es eher das Gegenteil einer urbanen Erfahrung: Die Bekannte aus Namibia, bei der wir fuer das Wochenende unterkamen, lebt am Rande der Metropole auf einer Pferdefarm. “Country style im Concrete Jungle”, um nicht zu sagen “back to the roots”, wenn man bedenkt, wo wir vier Maedels herkommen – wer haette das gedacht?
Das Wochenende auf dem Land beinhaltete neben einer typischen Bauernschenke, aehm, Farmerbar, und einem atemberaubenem Panorama bestehend aus Eileen auf einem springenden Pferd mit der Johannesburger Skyline bei Sonnenuntergang im Hintergrund auch eine tierische Unterkunft. Nie haette ich mir eralptraeumen koennen, dass ich einmal in einem Raum auf dem Boden schlafen wuerde, in dem neben drei Hunden auch noch ebenso viele Katzen herumliefen, geschweige denn, dass letztere mir nachts dann auch noch – ungelogen – ueber den Kopf laufen wuerden! Da straeuben sich mit Sicherheit mindestens bei meiner Mutter, meinen Tanten und Omas die Haare, welche selbstverstaendlich auch ueberall im Apartment zu finden waren. Nicht einmal im Bad war man allein, es lag stets einer der Hunde auf einem Waeschehaufen gegenueber der Toilette und beobachtete unsere Geschaeftigkeiten.
Nichtsdestotrotz bin ich wohl nicht die einzige, die sehr dankbar fuer Unterkunft -haltung unserer Bekannten ist. Ausserdem hat sie uns zur Bushaltestelle gebracht, von wo aus wir den Bus in Richtung Maputo nehmen konnten. (Unserer guten alten Mercedes wollten wir die angeblich sehr schlechten Strassen Mosambiks dann noch nicht zumuten.)
Die ca. siebenstuendige Busfahrt stellte sich als sehr interessant heraus: Von angsteinfloessend leeren Strassen in der Johannesburger Innenstadt, die unsere Gastgeberin uebrigens seit 1 1/2 Jahren nicht mehr gesehen hat, ueber einen wunderschoenen ersten Eindruck an der mosambikanischen Grenze in der Morgendaemmerung, fuer den ich hart gegen meinen Schlaf kaempfte, bis hin zu offensichtlich sehr armen Gegenden in Mosambik, bei deren Anblick ich mir nicht sicher war, was unbequemer war: der Anblick der Armut an sich oder der Gedanke daran, dass dieser ein unbequemes Gefuehl in mir hervorruft…
Wegen der zahlreichen Palmen und der sofort spuerbar lebhaften Atmosphaere war die Busfahrt durch die mosambikanische Hauptstadt ebenso erfrischend wie die Ankunft in unserem Hostel, die wir mit Blick auf Bananen- und Mangobaeume zu Musik der fabelhaften Erykah Badu ausserordentlich genossen.
Es waere zynisch, zu schreiben, dass wir Maputo nach einer kalten Dusche unsicher machten, denn Sicherheit war definitiv ein Thema. Nach dem Geldabheben, das ungluecklicherweise nur an der Strasse und nicht etwa in einer Bank moeglich war, stand ich aufgrund von einer Mischung aus Unfaehigkeit, die Sicherheitslage in der mir unbekannten Stadt einzuschaetzen, und der offensichtlicheren Armut vieler Menschen innerlich innerlich vor einer Explosion, was den Weg zum Kuenstlermarkt ewig lang werden liess. Viel mehr als eben diesen Markt sahen wir von Maputo leider nicht, was zum einen daran lag, dass man staendig auf den Boden schauen musste, da der Buergersteig so uneben war, und zum anderen daran, dass Eileen aufgrund einer Reitverletzung nicht weit laufen konnte. Also siegte das Team Solidaritaet-Respekt-vor-der-Stadt-nach-5-Uhr gegen die Neugier-Abenteuerlust-Kombo und wir vier fanden uns auf ein typisch mosambikanisches, dem franzoesischen Baguette sehr aehnliches Brot mit Avocado, Ruehrei, Tomaten und Malariapille im Backpacker ein.
Im Verlauf des Abends sprachen wir mit einem aelteren Kanadier auf seiner Afrika-Rundreise, einer fuer “Aerzte ohne Grenzen” arbeitenden Irin, die mit ihrem reiselustigen suedafrikanischen Freund unterwegs war, dessen einziger Besitz sein gefuellter Reiserucksack ist und der im Vergleich zum Jahr 1999 viele Fortschritte in der mosambikanischen Hauptstadt erkannte, sowie mit zwei Franzosen, die im Auftrag der EU die Wasserversorgung in den umliegenden Doerfern verbesserten, sofern mich meine nicht mehr ganz so fabelhaften Franzoesischkenntnisse nicht taeuschten.
Doch noch interessanter als die abendlichen Gespraeche waren die zwei Stunden, die wir am naechsten Morgen am dortigen Taxi Rank (der Name duerfte meinen Stammlesern ein Begriff sein, an alle anderen: zentraler Minibushalteplatz), verbrachten. Obwohl Lilli es sich “nicht so arm und dreckig” vorgestellt hatte wie wir es letztendlich vorfanden, erwarteten uns eine gewaltige Portion afrikanischen Charmes, mehr Frauen mit viel mehr Ladung auf ihren Koepfen, viel, viel mehr Strassenverkaeufer und viel, viel, viel vollere Busse, die die guten alten Kapstaedter Minibustaxen im Vergleich beinahe leer erscheinen liessen.
Und waehrend ich aufgeregt Eindruecke aufsaugte, Eileen sich nicht entscheiden konnte, ob sie sich in der Karibik, in Indien oder ueberhaupt in ihrem Koerper und nicht in einem Film befindet, und sich Franzi beim fleissigen Fotografieren ein “Wieso?! Ist doch Afrika, oder?” entlocken liess, war eine englische Mitreisende damit beschaeftigt, den Fahrer permanent daran zu erinnern, dass wir eigentlich bereits vor einer halben, einer Stunde, zwei Stunden haetten abfahren sollen, und erfolglos zu versuchen, fuer uns Touristen denselben Fahrpreis wie fuer die Einheimischen einzufordern. Bevor ich wusste, dass sie einige Jahre in Malawi aufgewachsen war, belaechelte ich die netten Versuche noch. Kannte sie die klassischen Minibustaxiregeln nicht?
Dass sie auf ihr Recht auf denselben Preis bestand, war fuer mich nachvollziehbar, ich bezahle im Minibustaxi auch nicht prinzipiell Touristenaufschlag. Wenn man jedoch bedenkt, dass wir andererseits 1. auch vom Hostel abgeholt wurden und 2. alle gerade froehlich um die Welt reisen, was auf die junge Englaenderin, wie wir spaeter herausfanden, noch besser zutrifft als auf uns, fand ich es letztendlich doch unpassend, fuer eine neunstuendige Busfahrt unbedingt umgerechnet neun statt der fuer uns veranschlagten 15 Euro bezahlen zu wollen. Idealerweise moechte der Taxifahrer mit seiner Frau ja auch nur das Schulgeld seiner Tochter bezahlen, damit sie vielleicht studieren kann und nicht ebenfalls als Strassenverkaeuferin oder Reinigunskraft endet. Ob unsere 6 Euro jedoch wirklich in Bildung investiert werden, bleibt natuerlich insbesondere in Hinblick auf die verlockenden KFCs und McDonald’s an jeder Ecke oder dem ausserordentlichen Bedarf an Uhren, Handys etc. als Statussymbole trotzdem fraglich. Und Rechtfertigung fuer 7x teurere Brot- oder 25x teurere Taxipreise, wie wir es in Tofo erlebten, ist dies natuerlich auch wieder nicht.
Tofo, ein Kuestenort Mosambiks war, nebenbei bemerkt, unser Fahrtziel, das wir am spaeten Nachmittag erreichten. Mal wieder stimmte die uns aus Namibia bekannte Rechung Eileen + Phelina + Strandplaene = Regen, was Franzi und mich jedoch nicht davon abhielt, endlich im ungemein waermeren Indischen Ozean schwimmen zu gehen.
Die Zeit zwischen den beiden Uebernachtungen ueberbrueckten wir damit, in der Gegend rare Geldautomaten zu suchen, um uns mit unschlagbar guenstigen Meeresfruechten und Fisch den Bauch vollzustopfen, Strandspaziergaenge zu machen, Delphine aus der Ferne zu beobachten, mithilfe des lokalen Biers “2M” Flunkyball international zu verbreiten oder damit, multikulturelle Abende zu verbringen (England, Schweiz, Portugal, Australien, Suedafrika und Deutschland waren vertreten). Darueber hinaus unternahmen wir einen Tagestrip mit einem kleinen Boetchen, das aufgrund mangelnden Windes von zwei Fischermaennern, die einen Tag pro Woche in die Tourismusbranche wechseln, lange Zeit muehsam in Bewegung gesetzt werden musste. Neben Seesternen sahen wir einen Hammerhai und Franziska, wie sie aus extremem Blasendruck vom Boot sprang und im flachen Gewaesser auf die Insel zulief, wo wir zu Mittag essen sollten. Zwischen den Palmen und kleinen Strohhuetten fand sie auf der Insel nur eine vollschlanke Frau, die kein Englisch sprach, aber ihren offenbar gutaussehen Sohn rief, dem Franziska von ihrer Not berichtete. Umgehend fuehrte er sie zu einem kleinen Holzbau, den sie betrat und einige Holzbalken und Palmblaetter vorfand, die sie jedoch weder als Toilette identifizieren noch benutzen konnte.
Also musste Franziska in ihrem Bikini auf uns Mitreisende sowie unseren speziellen Tourguide warten, der uns nach Betreten der Insel erst einmal aufforderte, uns aus Respekt vor den Einwohnern zu bedecken!
Bei ein paar frisch gefangenen Krebsen und traditionell mosambikanischen Essen zu Mittag vergass Franziska die Peinlichkeit, wie wild halbnackt auf der Insel mit 849 Einwohnern, die in der Vergangenheit als Rueckzugsort vor portugiesischen Kolonialisten diente, was die einzigen Informationen waren, die unser Guide mit uns teilte, herumgelaufen zu sein, wohl relativ zuegig.
Beinahe ebenso zuegig verstrich unsere Zeit in Mosambik, sodass wir in der folgenden Nacht wieder den Bus in Richtung Maputo nahmen, in dem einer Einheimischen, die dazustieg, beim Anblick lauter weisser Menschen beinahe die Augen herausfielen (ob diese Reaktion positiv oder negativ zu deuten war, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen…). In der Hauptstadt war unser Gepaeck teuer: Es wurde zunaechst von zwei Maennern auf dem Weg zum richtigen Minibus herumgetragen, wofuer sie Geld verlangten und somit den Schein der Freundlichkeit bzw. reinen Hilfsbereitschaft schnell truebten, und danach mussten wir wieder einen Touristenaufschlag fuer die Gepaeckmitnahme hinnehmen.
Nun gut. Wir erreichten die Grenze eingequetscht aber heil, wurden dort von einem Einheimischen unverzueglich mit einem netten “Moin Moin”, welch erfreuliches Touristenrelikt, begruesst und die beiden Rothaarigen erhielten nett laechelnd Visa bis zum 9. Juni, mit denen sie die maximale Aufenthaltsdauer fuer Touristen von 2 x 90 Tagen legal um gut drei Wochen verlaengern koennTen!
Diese ueberaus goennerische Gastfreundschaft muessen wir wohl doch abschlagen und wir sehen uns Mitte Mai, wenn nicht bereits naechste Woche in meinem virtuellen Zuhause, in dem Ihr Euch gerade befindet, um noch mehr Reisegeschichten mitsamt einer Abenteuergeschichte aus Johannesburg nachzu(er)les/ben!
Juhu, juhu, juhu, alles ganz spannend und toll. Hoffentlich langweile ich Euch nicht zu sehr…

Bis ganz bald,

Phelina

Ausblick auf den naechsten Teil...

 

PS: Der letzte Artikel ist jetzt auch mit sehenswerten Fotos bestueckt!

    • anette stehle
    • 31. März 2011

    hallo süße, ganz bestimmt wird einem nicht langweilig es ist immer wieder sehr unterhaltsam und spannend. gut das du geschrieben hast das du für den vorherigen blog noch bilder dazu gefügt hast, ich hatte nämlich kurz vorher den blog noch mal durchgelesen und war ganz irritiert das da bilder waren, ich dachte schon, mein gott was bin ich doch vergesslich.

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