Hast du mal kurz Zeit (zu geben)?
Soleil*, 18: – 2 x 4 Monate Gefaegnisaufenthalt 
- 1. Aufenthalt in Zusammenhang mit Gruppenzwang und aggressivem Verhalten
- 2. Gefaegnisaufenthalt wegen verspaetetem Erscheinen zu Gerichtsverhandlung aufgrund von Drogenkonsum am Vorabend
- Mutter gestorben, als er drei war
- Vater letzten Juni gestorben
- nach der 6. Klasse nicht mehr in der Schule gewesen 
- kann kaum lesen und schreiben
- kaum Berufserfahrung
- kaum Computerkenntnisse
- stets freundlich, hoeflich
- ausgepraegter Lernwille
- lernte nach eigenen Angaben im Gefaengnis, wie wichtig es ist, positive Lebensentscheidungen zu treffen
- moechte in seiner Gemeinde eine Kindertanzgruppe eroeffnen und seine Erfahrungen praeventativ teilen
Mxoliso*, 23: – ca. einjaehriger Gefaegnisaufenthalt aus unbekannten Gruenden
- Mutter lebt weit entfernt
- Vater lebt in Kapstadt, es besteht jedoch fast kein Kontakt
- lebt mit Schwester
- 10. Klasse vollendet
- sehr gute Sprachkenntnisse, wortgewandt 
- Berufserfahrung durch verschiedene kurzzeitige Beschaeftigungen
- rudimentaere Computerkenntnisse
- extrovertiert
- leicht ablenkbar
- “Klassenclown”

"Das Leben ist Krieg, aber okay" ist der Titel eines seiner Gedichte. Auf seinem rechten Arm steht: "No more trouble I promis u better days"
- verschwiegen, was Persoenliches angeht
- frueher drogenabhaengig; Rueckfall, als seine Vermittlungsorganisation im Dezember geschlossen war
- kaum Motivation, einen Beruf zu finden, bequem
- haelt sich nicht immer an Bewaehrungsauflagen
- verfasst Gedichte, auch um seine Situation zu verarbeiten, interessiert sich fuer Musik
- moechte professionell schreiben
Cumani*, 27: – 5-jaehriger Gefaegnisaufenthalt aus unbekannten sowie unerklaerlichen Gruenden
- spricht ausgezeichnet Englisch
- einige langfristige Berufserfahrungen
- verfuegt ueber sehr gute Computerkenntnisse
- ausgesprochen motiviert
- hilfsbereit
Henry*, 41: – mehrjaehriger Gefaegnisaufenthalt aus unbekannten Gruenden
- 9. Klasse vollendet
- schlechte Englischkenntnisse
- kaum Berufserfahrung
- keine Computerkenntnisse
- ungeduldig, aggressive Tendenzen
- schnell ermuedet
- lernbereit
- willig, was Jobsuche angeht
- besonders gluecklich ueber Erfolgserlebnisse
Marvyn*, 20: – zweijaehriger Gefaegnisaufenthsalt wegen Besitz einer Waffe, die ihm nicht gehoerte
- waehrend des Aufenthalts in ein anderes Gefaegnis verlegt worden
- lebt mit seiner Familie
- mittelmaessige Englischkenntnisse
- keine Computerkenntnisse
- extrem ausgepraegtes Redebeduerfnis
- spuert Druck von zu Hause
- lebt eigenen Angaben nach im Ghetto
- konsumiert Drogen zum Zeitvertreib, jedoch weniger als in der Vergangenheit
- empfindet die Zeit im Gefaegnis als schlimmste seines Lebens
- war dort durchweg hungrig
Das sind die Profile des Grossteils der Jungs, mit denen Eileen und ich uns seit ca. einem Monat zwei Tage die Woche beschaeftigen. Ziemlich zufaellig erfuhr zunaechst Eileen, dann auch ich von dem gefuehlten Notstand der Kapstaedter Nichtregierungsorganisation “Young in Prison” (YiP). Hier wurde aus Spendenmangel Personalmangel. Aus Personalmangel wurde Zeitmangel. Aus Zeit- Qualitaetsmangel.
Also spazieren Eileen und ich eine Woche nach unserem Bewerbungsgespraech gespannt und hochgeschlossen ins Gemeindehaus in Salt River und werden dort von Marissa* Soleil vorgestellt: “Maedels, das ist Soleil, einer unserer Teilnehmer. Soleil liest gerade die Stellenanzeigen in der Zeitung.” Soleil laechelt, gibt uns hoeflich die Hand und widmet sich wieder seiner Zeitung.
Marissa ist die Koordinatorin des Post-Release-Programmes von YiP, das auf die Resozialisierung der aus dem Gefaengnis entlassenen Teilnehmer abzielt und in vielen Faellen der Sozialiserung jener entspricht. Die Organisation arbeit sowohl innerhalb des Gefaegnisses als auch nach ihrer Freilassungen mit kriminell gewordenen Jugendlichen. Die Teilnahme an den YiP-Programmen, die den jungen Menschen auf kuenstlerische, literarische und sportliche Weise zum einen die Moeglichkeit geben, auch unter schwierigen Gefaegnisbedingungen produktiv und verantwortungsbewusst zu sein, und sie zum anderen ermutigen sollen, positive Lebensentscheidungen zu treffen, ist freiwillig.
Marissa kuemmert sich primaer um die Jobsuche der Jungs und ist heilfroh, dass wir unsere Zeit nutzen, sie durch Computerkurse zu unterstuetzen, denn eigentlich ist sie eher mit der Spendenakquise zur Aufrechterhaltung der Organisation beschaeftigt. Eileen ist heilfroh, nach erster Beruehrung mit Gefaegnissen waehrend ihres Studiums weitere Praxiserfahrung zu sammeln, die Jungs scheinen heilfroh, dass ihnen etwas frischer Wind aus Deutschland um die taetowierte Haut weht, und ich bin heilfroh, meiner Zeit endlich wieder gemeingueltigeren Sinn zu verleihen.
Marissa verlaesst den Raum, unsere erste “Unterrichtsstunde” beginnt mit Soleil und Mxolisi. – “Na, Soleil, wie kommst du so voran?”
Es dauert nicht lang bis wir bemerken, dass es nicht mal Bilder gibt, die er sich anschauen kann. Mit den Stellenanzeigen kann er fast nichts anfangen, denn erstens ist sein Englisch relativ schlecht und zweitens kann er kaum lesen. Im Gespraech erfahren wir, dass er nach der sechsten Klasse nicht mehr zur Schule ging, dass seine Mutter starb, als er drei war, sein Vater letzten Juni, kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefaegnis. Er ist jeden Tag im Buero von Young in Prison. Sonst hat er nichts Besseres zu tun. Auch Mxolisi ist oft hier, es gefaellt ihm. Es scheint als waere die Organisation mit ihren Mitarbeitern eine Art Ersatz fuer die Familie, die sie beide nicht haben.
Staerkend, zweifelsohne, aber nicht Sinn und Zweck des Programms. Die Jungs sollen das Programm so frueh wie moeglich, so spaet wie noetig verlassen und auf ihren eigenen Beinen stehen.
Also geht es an’s Berbungslaeufeschreiben, Tippen lernen, daran, das Internet zu entdecken. Im Laufe der Zeit kommen mehr junge Maenner dazu. Darunter beispielsweise Cumani, der so selbststaendig und motiviert ist, dass er neben dem Internetzugang und zwischenzeitlichen Bestaetigungen seiner Ideen keine Unterstuetzung braucht. Im Gegensatz dazu aber auch Henry, der uns vor die Herausforderung stellt, einem 41-Jaehrigen das Internet zu erklaeren, der noch nie an einem Computer sass, geschweige denn eine vage Vorstellung vom World Wide Web hat. Welch ein Glueck, dass ich das schon mal mit meinem Opa gemacht habe und dass nie mehr als fuenf Teilnehmer anwesend sind. Sonst waeren die beiden Aushilfssozialarbeiterinnen mit wenig Fachwissen, aber viel Enthusiasmus bei zwei alten Computern sowie sehr unterschiedlichen Kenntnissen und Beduerfnissen der Teilnehmer wohl ziemlich ins Schleudern gekommen.
Doch obwohl wir bisher nicht uebermaessig viel Zeit in Salt River verbracht haben, sind schon gewaltige Fortschritte zu sehen: Fast alle Jungs kommen regelmaessig zu unseren “Kursen”, haben eine Email-Adresse, einen ansehnlichen Lebenslauf, den sie selbst geschrieben und verstanden haben, was zum Teil Eileens Vorwissen ueber Personalmanagement zu verdanken ist, zwei Teilnehmer hatten bereits Bewerbungsgespraeche, mit Soleil arbeite ich seit kurzem an einem Leseprogramm, das von ehemaligen Freiwillgen auf der Grundlage von ihren Erfahrungen mit den Jungs im Gefaegnis entwickelt wurde. Das Alphabet kann er zwar noch nicht ganz, doch wurden ihm von Marissa bereits verbesserte Englischkenntnisse bezeugt.
Haette ich diese Zeilen zwei Tage eher geschrieben, waere er am Ende, an das Ihr hier bereits fast gelangt seid, wahrscheinlich optimistischer, da wir jedes Mal, wenn wir das Gemeindehaus erschoepft verlassen und uns unwillig in unser ueberhitztes Auto setzen, das Gefuehl haben, etwas erreicht, etwas geteilt, etwas erhalten zu haben.
An diesem Montag jedoch war unser Auto noch heisser, da wir schon gegen Mittag wieder nach Hause fuhren. Von dem urspruenglichen Plan, mit ein paar Jungs undfrisch ausgedruckten Lebenslaeufen zum Beispiel zum Flughafen zu fahren, um uns nach Jobs zu erkundigen, wurde leider nichts. Keiner der Teilnehmer erschien. Und erreichen konnten wir sie auch nicht, weil die meisten kein Handy mehr besitzen.
Wie schade, dass wir unsere Reise durch Mosambik und Suedafrika, die morgen beginnt, mit diesem arbeitstechnischen Fragezeichen beginnen muessen. Nun ja, ich gehe davon aus, dass uns die mosambikanischen Palmen (hoffentlich nicht die Muecken!) schnell davon ablenken werden.
Ich werde berichten…
Bis bald, wenn bei Euch hoffentlich die Fruehlingssonne scheint,
Phelina
PS: Wegen der schlechten Verbindung hier schaffe ich es mal wieder nicht, mehr Fotos hochzuladen, aber irgendwann werden sie da sein!
* Namen von mir, der Redaktion, geaendert.



Klingt sehr interessant eure Arbeit!
Freu mich wenn es bald wieder neues gibt!
Viele Grüße
Oh man
Ihr seit ja echt fleißig, aber das war ja schon immer bekannt, dass ihr ohne eine aufgabe nicht die selben seit.
aber die arbeit hört sich gut an, auch wenn ich das nicht von den gesichten der personen behaupeten kann.
tut mir leid, für die späte reaktion, aber sie ist da
Viel spaß euch noch
p.s.: beide karten sind angekommen