Letzte Eindrücke aus Kapstadt

„The situation is bad here cant evn slip Im scard my body is shakng frm head 2 toe. Xenophobia attacks.”

(The situation is bad here, I can’t even sleep, I’m scared, my body is shaking from head to toe. Xenophobic attacks.”

[Die Lage ist schlimm hier, ich kann nicht mal schlafen, ich habe Angst, mein Körper zittert von Kopf bis Fuß. Anschläge gegen Ausländer.“]

Diese SMS erhielt ich letzte Nacht um 00:51 von meiner Kollegin, die in einem Township namens Samora Machel wohnt. Schock, Angst und Panik gehörten zu meinen Reaktionen. Und das im so buntgemischten Observatory, meinem Zuhause. Wie soll es einem dann nur gehen, wenn man sich wie Ayanda mitten im Geschehen befindet, die fliegenden Steine und Gangster sieht, die Schüsse hört?

Allzu genau möchte man das wohl nicht wissen, da hat mir persönlich meine Township-Erfahrung beim letzen Fieldtrip gereicht: Um unser Medienprogramm auch den Kindern in anderen Provinzen näher zu bringen, hat es zwei meiner Kolleginnen und – dank meiner Spender – auch mich im Mai für zehn Tage in die Nord-West Provinz und das Nordkap verschlagen (vgl. Fotos Nr.713 – 841), wo wir auch im Township untergekommen sind. Dort gab es neben den typisch, aber immer wieder wunderbar lebensfrohen afrikanischen Kindern und der viel zitierten Herz-/Menschlichkeit nämlich so einiges, was mal wieder der Gewöhnung bedurfte: Von der nächtlichen Eiseskälte im südafrikanischen Winter (denn ohne Heizung und jegliche Isolierung sind auch 10-15°C rattenkalt), der altbekannten Waschwanne für die tägliche Hygiene und der Außentoilette, die nach Einbruch der Dunkelheit durch einen großen Eimer innerhalb des mehr einer Garage als irgendetwas anderem ähnelnden Hauses ersetzt wurde, über Chicken Feet, Hühnerfüße, die es zu essen gab (lecker!), bis hin zu der Tatsache, dass es nachts von oben tropfte und die Ratten unter dem Bett herliefen, war hier alles zu erleben. Wie gut wir Kapstädterinnen, zu denen ich mich wohl auch zählen darf, uns jedoch anpassen konnten, hat die gute Gogo, die Oma im Haus, allerdings schwer erstaunt. Vor unserer Ankunft kaufte sie noch extra verschiedene Dinge ein, um es uns mit unseren höheren Standards zurechtzumachen. Und nach ein paar Tagen hat sie schon gar nicht mehr (verblüfft) geguckt, als ich morgens den Toiletteneimer in Richtung Außentoilette trug.

Und obwohl ich als weiße Ausländerin zwar nicht nur Zielgruppe der Anschläge gehöre, schätze ich mich doch ungemein glücklich, nicht gerade zu Unruhezeit wie sie aktuell zu erleben sind im Township gewohnt zu haben. Irgendwann reicht es mit den hautnahen Erfahrungen. Nachgefragt habe ich bei meiner Kollegin trotzdem und damit selbstverständlich nicht nur mein Interesse gestillt, sondern ging es vorrangig darum, ihr ein offenes Ohr zu bieten, das (hier) ja manchmal nicht so leicht zu finden ist.

Sind die angekündigten Anschläge gegen ausländische Afrikaner nach Ende der Weltmeisterschaft also wirklich eingetreten? Nein, sagt u.a. die Polizei. Die Einbrüche in die Geschäfte ausländischer Inhaber beispielsweise seien schlichte Kriminalität unter dem Deckmantel der Ausländerfeindlichkeit. Davon sind besonders Somalier betroffen, die allgemein als gute Geschäftsmänner bekannt sind, weshalb bei einigen stereotyp faulen Südafrikanern das Gefühl aufkommt, dass ihnen ihre Arbeitsplätze genommen würden.

Ob es nun darum geht, die Ausländer aus den Townships und aus dem Land zu vertreiben, oder mehr um die Waren in den Geschäften, Ayandas somalischem Nachbarn hilft das nicht mehr. Er wurde vergangene Nacht entmannt und enthauptet.

Solche Vorfälle ereigneten sich allerdings längst nicht überall, haben doch die Gerüchte, so negativ sie von Grund auf auch sind, auch ihren Weg zu Polizei und Zuständigen für Sicherheit gefunden, die z.B. in Khayelitsha entsprechende Vorsorgemaßnahmen getroffen haben. Analog dazu wurden vonseiten einiger südafrikanischer Township-Bewohner selbst, die solcher Gewaltausbrüche ebenfalls mehr als überdrüssig sind, Aktionen organisiert, um derartigen Verbrechen vorzubeugen.

Und all das nach vier großartigen Wochen. Ich kann mich zwar nur auf Kapstadt beziehen, was meine eigenen Erfahrungen anbetrifft, aber hier war die Stimmung ausgezeichnet, die Leute sind einander begegnet, haben gemeinsam gefeiert und gefiebert, die Arbeit und sonstige Verpflichtungen weniger ernst als sonst genommen und diese Zeit einfach ausgiebig zum Zelebrieren, beinahe hätte ich Enjoyen gesagt ;-) , genutzt. Ich selbst habe beim leider weniger stimmungsvollen Kapstädter Auftaktspiel Frankreich – Uruguay, zu dem ich spontan ein Freiticket bekam, ziemlich gefroren, da half selbst der Südafrika-Schal wenig, doch allgemein spielte auch das Wetter angesichts der Tatsache, dass momentan Winter ist, gut mit.

Ja, die Fußball-Weltmeisterschaft ist mehr oder minder reibungslos über die Bühne gegangen und nun zu Zeiten des „LAWC“ (Life After the World Cup/Lebens nach der Weltmeisterschaft) werden die „The show must go on“-Rufe lauter. (Über den Showcharakter des Großevents könnte man natürlich Bände schreiben, das lasse ich aber lieber, ich habe nur noch 1 ½ hier in Kapstadt…)

Wie lang Schwarz, Farbig und Weiß aufeinander zugehen, wie lang der Enthusiasmus anhält, wenn er nach vergangener Nacht nicht schon wieder gebrochen ist, wie sich das Bild Afrikas in den Augen des Rests der Welt verändert hat und welche Auswirkungen dies und andere Faktoren haben werden, wird sich noch zeigen.

Zum Afrika-Bild ein Wort: Dass nicht überall in Afrika Löwen durch die Gegend laufen, dürfte der aufmerksame TV-Zuschauer bzw. WM-Tourist, je nach Kleingeld und Motivation, mittlerweile verinnerlicht haben, doch ist fraglich, wie akkurat das „neue“ Bild denn nun wirklich ist, wenn man z.B. in Erwägung zieht, dass es hier Krankenhäuser gibt, in denen ein kleiner Teil saniert und dem internationalen Publikum präsentiert wurde…

Im wahrsten Sinne des Wortes bemerkenswert ist auch, dass die Züge und Busse während der letzten vier Wochen so wunderbar pünktlich waren und auch außergewöhnlich lange fuhren. Doch das hat sich mit dem Ende der Veranstaltung schlagartig wieder geändert. Es verlangt wohl niemand, dass Minibustaxifahrer ihre Kunden in den Townships zu jeder Zeit bis vor die Haustür fahren, geschweige denn, dass Polizisten ständig Leute zu ihrer Sicherheit nach Hause begleiten (leider scheinen sie anderen Dingen nachgehen zu müssen), doch wäre ein wenig längerfristige Veränderung wohl mehr als wünschenswert.

Für die meisten Südafrikaner heißt es von nun an wieder: Back to normal… Nicht jedoch für mich, für die die Zeit tickt und tickt und tickt. So brutal die aktuellen Geschehnisse auch sind, meine letzten Eindrücke werden davon sicherlich nicht zu sehr überschattet. Im Grunde genommen war von diesem diversen Land ja nichts Anderes zu erwarten. ;-)

In meinen letzten Tagen und Wochen, von denen ich hoffentlich noch einmal Fotos hochladen werde, habe ich für meine kleine Schwester noch einmal den Touri-Guide gespielt, natürlich war ich auch ein wenig im WM-Fieber, ich habe noch einmal Elefanten, Büffel usw. gesehen, bei einem Workshop mit Mädchen, die mit ihren Arbeiterfamilien auf abgelegenen Weinfarmen leben und so auf irgendwie nachvollziehbare und doch inakzeptable Weise oft vernachlässigt werden, zwar ein Deutschlandspiel verpasst, dafür aber einen für mich bisher unbekannten Lebensraum mit ganz anderen Herausforderungen kennen gelernt; auf der Arbeit geht es nun um die letzten Schliffe, der Endbericht muss geschrieben werden, meine Freunde und Bekannten wollen alle noch ein Stück Phelina, Phelina will noch ein Stück von ihnen und von Kapstadt, die Rückreise soll vorbereitet sein und dann ist das längste Warten (als wenn es das gewesen wäre…) auch schon vorbei. I’m coming home again!

Und ich freue mich wahnsinnig auf das Wiedersehen mit Euch. Wie sollte es bei den warmen Mails und Nachrichten und Anrufen von Zuhause auch anders sein?

Andere Frage: Komme ich jetzt zum Ende meines Blogs?

Ich denke nicht. Neben einem geplanten Rückblick, einer Zusammenfassung oder Evaluation des ganzen Jahres, was ich auch demnächst an einem gemütlichen Abend in Bersenbrück vorhabe, lassen meine Zukunftspläne, die mich nach ein paar Monaten in Deutschland vorerst wieder auf Reisen schicken, Spielraum für weitere Berichte über hoffentlich spannende Erlebnisse, sodass ich das lieb gewonnene Schreiben theoretisch durchaus fortsetzen könnte. Was meint Ihr?

Aber erst mal werde ich jetzt in Ruhe Abreisen und wieder Ankommen, die Zeit gönnt Ihr mir, so wie ich mir auch… Und falls Ihr in der Zwischenzeit interessanten Lesestoff braucht, schaut hier vorbei: www.maedchenmannschaft.net

Ein unfassbar und hoffentlich doch irgendwie fassbar großes und vor allem herzliches Dankeschön an Euch! Ich hoffe, es hat Euch bis hier her Spaß, die ein oder andere (natürlich unsichtbare) Denk- oder Lachfalte, Freude oder was auch immer bereitet. Mir war es ein großes Vergnügen, meine Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken und Fotos aus diesem Jahr in Südafrika mit Euch zu teilen.

Bis wirklich bald, behaltet Sonne bei Euch,

Phelina

    • Frank
    • 14. Juli 2010

    Hallo Phelina!
    Dein Blog ist wahnsinnig gut gemacht und ich finde es schön das Du Dir im gegensatz zur Eva so viel Mühe gibst, uns alle über dein verbleiben zu informieren! Ich habe jede Zeile aufmerksam gelesen und dir jede Erfahrung (wie auch die WM) von Herzen gegönnt! Ich drücke Dich! Liebe Grüße Frank

    • Anne
    • 14. Juli 2010

    Hallo Süße,

    dein letzter Eintrag (nehme ich an???)! Da wollte ich mich auch noch einmal kurz verewigen!

    Wir freuen uns auf dich und deine Erzählungen von den letzten Monaten. Ein bischen was durften wir ja selbst erleben; dank dir sicherlich das ein oder andere Besondere!

    Bis in 2 Wochen, also gaaaanz bald

    Anne

    • Ya Big Sissy
    • 14. Juli 2010

    sissy, ich bin gerührt…

      • Ya Big Sissy
      • 14. Juli 2010

      sissysissyheart, ich bin gerührt…

    • Ya Big Sissy
    • 14. Juli 2010

    sissyheart, ich bin gerührt…

    • Denne
    • 14. Juli 2010

    hey zusje!
    unglaubich wie schnell ein jahr vorbei gehen kann. aber naja, die zeit rast.
    das es mich nicht wundert, das afrika sich in der wm zeit nicht wirklich wie afrika präsentierte, muss ich wohl nicht erwähnen.man muss halt den schein wahren. so traurig das ist. es war doch klar, das die busse wieder in ihr altes muster fallen sobald die geldbringenen menschen wieder weg sind. man könnte schon traurigerweise sagen “back to normal”. es ist schade, aber nicht überraschend.
    auch wenn du wieder viel geschrieben hast, das war für mich irgendwie der ausschlaggebene punkt den ich kommentiere wollte und freue mich schon drauf auf das sinnieren von angesicht zu angesicht^^
    bis dahin, noch nen schönen aufenthalt
    dicken drücker
    dennis

    • Anneke
    • 17. Juli 2010

    Oh phelina,
    es war wriklich sehr wertvoll deine Erfahrungen und Eindrücke lesen zu dürfen. So konnte ich immer verfolgen, wie es dir in Südafrika geht und was du alles erlebst. Schade finde ich es zwar, dass du uns bald schon wieder verlassen willst. Aber erstmal zählt, dass du bald wieder da bist und ich dich wohl erst nicht mehr loslassen werde.
    Also bis gnaz bald, wie war das noch? Noch 10 Mal schlafen?
    Take care, anneke

    • Carsten Freese
    • 10. August 2010

    Meine liebe Phelina, vermutlich habe ich gerade einen deiner letzten Blog´s (aus Afrika) gelesen und bin nach wie vor so gefesselt und begeistert über die Stärke Deiner Wort. Ich freue mich für Dich und deine Familie, dass Ihr euch so bald wiedersehen werdet und bin gespannt auf die Dinge die du erzählen wirst und noch erleben wirst. Es ist schön, dass es Menschen wie Dich gibt. Liebe Gedanken an Dich – Carsten

  1. Hi Pheline,

    Dein Blog gefällt mir echt. Habe ihn deshalb in meinen Bog aufgeführt, damit zukünftige Kapstadtreisende einen umfassenden Eindruck von dieser herrlischen Stadt bekommen.

    Gruß

    Andre

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